LESEPROBE Teneriffa – Insel der Hoffnung
Augsburg Nur langsam hatte die anbrechende Nacht den Tag verdrängt, ihm die bunten Bilder des Tages genommen und die immer wiederkehrende Angst vor der Stille gebracht. Die mit eleganten Möbeln und schweren Teppichen ausgestattete Wohnung erdrückte ihn, genauso wie das mit Trauerflor versehene Bild Isabells, und, wie so oft in den letzten Wochen verfolgte er zärtlich die Konturen ihres nur mehr auf bedrucktem Papier existierenden Gesichts und flüsterte beschwörend „ich finde sie und bringe sie zurück“. Fast unmittelbar daneben, von einem schweren silbernen Rahmen umhüllt, strahlten ihm drei fröhlich lachende Menschen entgegen, die jetzt jedoch nur mehr Zeugen der Erinnerung an glückliche Zeiten waren. Wie, um ihn an die fortschreitende Zeit zu erinnern, fiel sein Blick auf den reisefertig gepackten Koffer. Doch er wusste, dass er noch warten musste, seine Ungeduld zähmen musste, dieses unendliche Verlangen, sein Kind wieder in den Armen zu halten, unterdrücken musste. Er wusste nicht, wie oft er diesen Brief schon gelesen hatte und doch öffnete er wieder seinen Aktenkoffer um dieses zwischenzeitlich zerknitterte Stück Papier herauszuziehen. „Sehr geehrter Herr Baumann“ stand hier in unpersönlicher Computerschrift „Ich habe Ihre Vermisstenmeldung in der Abendpost gelesen und auch das veröffentlichte Foto gesehen. Ich bin mir ziemlich sicher Ihrer Tochter in Teneriffa begegnet zu sein. Sie bietet ihre Dienste als Begleitservice für gepflegte Herren an. Leider ist sie unter der damals aktuellen Telefonnummer nicht mehr erreichbar und Sie werden verstehen, dass ich mich, als glücklich verheirateter Mann in gehobener Position, nicht persönlich an Sie wenden kann. Ich wünsche Ihnen jedoch viel Glück bei der Suche nach ihr. Ihr sehr ergebener H.J.M.“ Mit ein tiefen Seufzer legte er den Brief zurück, zu den Zeitungsartikeln, die über das plötzliche Verschwinden Melanie Baumanns berichtet hatten, zu den Polizeiakten, die er sich als Kopie hatte anfertigen lassen und zu den letzten Fotos seiner Frau, die er kurz vor diesem schrecklichen Autounfall aufgenommen hatte. Noch einmal schenkte er sein Glas voll mit dem Rest des Weines der in der Flasche geblieben war und trank es auf einen Zug aus. Noch einmal kontrollierte er die Flugtickets die ihm seine Sekretärin ausgehändigt hatte und noch einmal warf er einen Blick in die menschenleeren Räume, bevor er entschlossen seinen Koffer nahm und sein zu Hause mit, selbst für ihn unbekanntem, Ziel verließ. Kapitel 1 Das bunte Sprachengemisch, auf diesem internationalen Flughafen, den er nach einer Fahrt im endlosen Stau über die Autobahn doch noch rechtzeitig erreicht hatte, schlug ihm entgegen wie eine unüberbrückbare Wand und wieder beschlichen ihn Zweifel ob sein Vorhaben, in einem Land, dessen Sprache er nicht beherrschte, in die Tat umsetzen könne. „Ja, da schau her, der Herr Baumann“ hörte er eine weibliche Stimme hinter sich und spürte wie sich ein voll beladener Gepäckwagen tief in seine Kniekehlen schob. „Machens auch Urlaub? Na ja nach dem ganzen Unglück mit Ihrer Frau und dann auch noch die Tochter …“ Er hatte sich umgedreht und in das sichtlich von einer Sonnenbank stundenlang gebräunte und auffällig geschminkte Gesicht einer Frau geblickt, die ihn jetzt hingebungsvoll anstrahlte. „Verzeihen Sie“ stammelte er verlegen „kennen wir uns?“ „Aber Herr Baumann“ schmollte sie jetzt und schob ihre Schultern zurück um ihren üppigen Busen in dem knappen T-Shirt besser zur Geltung zu bringen „ich bin doch die Carla und mir gehört die Imbissbude gleich um die Ecke von Ihrem Laden.“ „Es tut mir leid“ murmelte er und schaute sie hilflos an, doch sie plapperte munter weiter „Fliegens auch auf Teneriffa?“ „Ja“ sagte er kurz „doch jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss noch einchecken“ und reichte der freundlich lächelnden Frau am Schalter sein Ticket. „Die Maschine wird pünktlich starten“ sagte sie „ich wünsche Ihnen einen guten Flug“. „Vielleicht sieht man sich ja in Teneriffa“ rief ihm die Vollbusige noch nach, als er sich schnell abwandte um dem Gate 7 entgegenzustreben.“ „Ja vielleicht“ antwortete er gleichgültig und winkte ihr nochmals zu. Er hatte, obwohl er nicht darum gebeten hatte, einen Fensterplatz in der Reihe neben dem Notausstieg bekommen und beobachtete jetzt gedankenverloren wie das Flugszeug eine weite Schleife zog und in der Ferne seine Heimat zu erkennen war. Seine Stadt, seine Heimat, seine Welt in der er sich geborgen fühlte wurde immer kleiner und verschwand unter einer dichten Nebeldecke. „Ist es noch meine Heimat“ fragte er sich „ist es jener Ort wo ein Mensch gerne zurückkehrt, weil dort seine Liebsten auf ihn warten?“ Fast unmerklich schüttelte er den Kopf und zog den Reiseführer, den ihm seine Sekretärin vorsorglich zu den Tickets gelegt hatte heraus. Sie hatte anscheinend vergessen, dass seine Frau ja aus Teneriffa stammte und seine Schwiegereltern noch immer dort lebten. „Wie alle Kanareninseln, war Teneriffa ursprünglich von den Guanchen, was in der Landessprache Mann bzw. Mensch bedeutet, besiedelt. Als mächtigster Guanchenhäuptling auf Teneriffa erwähnt die Geschichte Tinerfe, der im 15. Jahrhundert lebte. Nach seinem Tod wurde die Insel unter seinen neun Söhnen aufgeteilt“ las er und fühlte diesen Stich in seinem Herzen. „Wie lange er und Isabell doch versucht hatten ein zweites Kind zu bekommen“ dachte er und erinnerte sich an jene glücklichen Tage die er mit ihr in ihrer Heimat verbracht hatte und in seinen Gedanken machte sich so etwas wie Vorfreude breit, die Insel des ewigen Frühlings wieder zu sehen. „Herzlich willkommen auf Teneriffa..“. Wie in Trance nahm Gustav Baumann die Stimme des Flugbegleiters wahr. „War das der Purser?“ fragte eine etwa Fünfjährige, die in der Reihe vor ihm saß, nachdem sie zusammen mit ihren Eltern heftig über die geglückte Landung der Crew applaudiert hatte. Schon so oft hatte er sich gefragte, warum bei Urlaubsflügen dem Kapitän, der Mannschaft, immer Beifall gespendet wurde. Dankbarkeit kann es ja nicht sein, alle haben ja dafür bezahlt, sicher an ihrem gebuchten Zielflughafen anzukommen. Bei Eisenbahnfahrten hatte er noch nie erlebt, dass irgendjemand vor Verlassen des Zuges applaudierte. Auch bei Busreisen ist es eher ungewöhnlich. Er hatte dafür eigentlich nur eine Erklärung: Man hat wieder festen Boden unter den Füßen. Die Angst doch noch in der letzten Sekunde abzustürzen verfliegt mit einem Schlag und das Gefühl, am Boden nicht mehr machtlos der Technik ausgeliefert zu sein, lässt explosionsartig den Emotionen freien Lauf. Die Anspannung ist vorüber. Selbst Fluggäste, die den gesamten Flug nebeneinander saßen, dicht gedrängt, fast Arm in Arm, und während des Fluges keine Silbe miteinander sprachen, lächeln sich an und versuchen in letzter Minute in nicht enden wollenden Redeschwallen alles Versäumte nachzuholen, Urlaubstipps zu geben und mit dem Hinweis „vielleicht sieht man sich ja auf dem Rückflug wieder“ eine schöne Zeit auf der herrlichen Insel zu wünschen, die man ja schon unzählige Male besucht hat und trotzdem immer wieder etwas Neues entdeckt. Ein interessantes Phänomen, dachte er, als die Kleine zum wiederholten male fragt: „ Mama, war das der Purser?“. „Kind, nein, das war der Steward! Jetzt nimm endlich den Kopfhörer ab und pack dein Zeugs zusammen! Wir müssen uns beeilen, Oma wartet bestimmt schon draußen.“ „Aber er hat vorhin gesagt, er ist der Purser! Du hast doch keine Ahnung vom Fliegen!“. Gustav Baumann musste lächeln. Wie sich doch die Berufsbezeichnungen im Laufe der Zeit geändert haben. Die Kleine hatte gut aufgepasst. „Mein Name ist Heinz Fritte, und ich bin ihr Purser“, so waren seine Worte gewesen. Sicher wussten die meisten Passagiere damit auch nichts anzufangen, aber gefragt hat niemand. Außer der Kleinen. Wehmütig schweifen seine Gedanken in die Vergangenheit. An diese Zeit auf hoher See, die plötzlich so klar und deutlich auftauchte und doch so unendlich weit entfernt war. Aus der Seefahrt stammt dieser Begriff. Er bedeutet Zahl- und Proviantmeister. Purser, also quasi derjenige, der die Geldbörse innehatte. In der Luft macht diese Bezeichnung jemand zum ranghöchsten Flugbegleiter der Kabinenbesatzung. Er dachte, dass dieser Pseudoanglizismus ja auch bereits sein Büro erreicht hatte. Dort, wo man sich früher per Visitenkarte in Deutsch vorstellte, protzen heute Bezeichnungen wie „Editor in Chief“, „Graduate Computer Scientist“ oder „Deputy Department Manager“. Keiner weiß, was es ist, aber jeder zieht ehrfurchtsvoll den Hut. So langsam leerte sich die Maschine. Gustav Baumann griff nochmals in die Innentasche seines Jacketts, um sicher zu gehen, dass der Brief, an den sich nun seine ganze Hoffnung klammert, noch vorhanden war. Das freundliche „Schönen Urlaub“ der Stewardess am Ausgang nahm er nur noch am Rande wahr. „Urlaub, wenn die wüsste“, dachte er. Er folgte der, sichtlich erleichtert aus dem Flugzeug quellenden Masse Mensch, reihte sich ein in der Traube, die drängend und schiebend in das Innere der Ankunftshalle gelangen wollte und bemerkte schmunzelnd den Bodenbelag aus schwarzen Gumminoppen. "Heron Flexi Button, Farbe Nummer 15652. Den haben wir als Belag für die neue Ausstellungshalle geplant. Aber nicht in schwarz, sondern in blau - 15653“ durchzuckte es seine Gedanken und er wunderte sich über die schlampig durchgeführten Verlegarbeiten. „Das wäre bei uns nie abgenommen worden." Er war noch nie auf dem Flughafen Reina Sofia gelandet, war immer im Norden der Insel am Flughafen Los Rodeos angekommen, jenem Landeplatz, wo 1977 fünfhundert Menschen bei dem Zusammenstoß zweier Flugzeuge ums Leben kamen und der Gedanke, wie vieler Toten es bedarf um lang geplante Investitionen in die Tat umzusetzen ließ ihn erschauern. Und - wie lange war das her, als sie noch zu dritt hier eine ihrer gemeinsamen Ferien verbringen durften? Er, Isabell, und die kleine Melanie, damals kaum aus dem Säuglingsalter heraus. Er erinnerte sich an die Freude Isabells, als wieder einmal ihre Familie in deren Sommerresidenz in San Juan de la Rambla besuchen konnte und so unendlich stolz war, ihnen allen die kleine Tochter zeigen zu dürfen, das lange erwartete Kind aus ihrer spanisch-deutschen Ehe. Doch er erinnerte sich auch daran wie schmerzhaft die Erfahrung war, dass er in Isabells Familie nie willkommen sein würde. "Ankunft Air Berlin 5687", "Gepäck an Band 6". So stand es auf der Tafel über ihm. Nervös spielte seine Hand mit dem schweren goldenen Feuerzeug in seiner Sakkotasche. Nach Isabells Tod hatte er wieder zu Rauchen begonnen und sehnte sich nach einer Zigarette. Nach einer Zigarette, einem gut gekühlten Glas Bier und nach jener Zeit, in der seine kleine Welt noch in Ordnung war. Er erblickte, oder besser gesagt, er hörte das ordinäre Lachen jener Vollbusigen, die sich ihm als Carla vorgestellt hatte und jetzt nur mehr mit Hotpants, einem trägerlosen, goldglitzernden Top und hochhakigen Pumps bekleidet war und – er suchte Schutz in dieser Masse Mensch die nervös auf ihr Reisegepäck warteten. Langsam bewegte sich das Förderband, Gepäckstück um Gepäckstück bewegte sich an ihm vorbei. Viel hatte er ja nicht dabei, die Reisetasche des Handgepäcks und einen leichten Koffer, für höchstens zwei Wochen Aufenthalt. Endlich! Sein Aluminium-Koffer, mit den vielen Schrammen und Scharten, reflektierte das, durch die riesigen Fenster einfallende, Sonnenlicht. „Was hatte Melanie empfunden als sie hier ankam? War sie nach Hause gekommen, in das Land das sie liebte, auch wenn ihr das Meiste nur aus Erzählungen ihrer Mutter bekannt war? War sie überhaupt hier, oder war der Brief, den er erhalten hatte, nur eine Irreführung? Gleißendes Licht empfing ihn als er das Flughafengebäude verließ und stürmisch, an seinem, nur locker über die Schulter geworfenem Sakko, zerrend, die Haare zausend begrüßte ihn der, anscheinend auf der Südseite der Insel, nie eine Verschnaufpause einlegende, Wind. Tief und genussvoll sog er den ersten Zug der eben erst entzündeten Zigarette ein, spürte dieses Brennen in seinen Lungen, spürte wie das Gift durch seinen Körper zog, seine Sucht befriedigte und das mahnende Klagen seines Gewissens untergrub. Er schaute sich um und entdeckte eine lange Schlange mit Taxen, umringt von einem Pulk von Reisenden, die es anscheinend eilig hatten. Doch er hatte Zeit. Er gesellte sich zu den Anderen, die lachend und plaudernd vor einem vorsorglich aufgestellten Gefäß standen und ebenso wie er, die erste Zigarette nach einem langen Flug, oder gerade noch eine, bevor sie die rauchfreie Zone betraten, pafften. Und er entdeckte sich selbst. Im stetigen Auf und Zu der sich spiegelnden Türen der Eingangshalle, sah er diesen Mann mit dem blauen Hemd und den dunklen Hosen, der so sonderbar exotisch wirkte zwischen den, nur mit kurzen Hosen und bunten T-Shirts bekleideten, Menschen. Er sah den Mann mit dem kurz geschnittenen Drei-Tage-Bart, der eingebunden war in diese Gruppe von Menschen und doch nicht dazu zu gehören schien. Er straffte den Rücken als er die hängenden Schultern wahrnahm, streckte sein Gesicht der Sonne zu als er die Blässe seiner Haut bemerkte und dämpfte mit einer entschlossenen Handbewegung die Zigarette aus. Geduldig stellte er sich in der noch immer endlos langen Schlange Wartender an und harrte geduldig bis er an der Reihe war. Das Taxi war auf Hochglanz poliert, wirkte gepflegt und sauber und der junge Fahrer mit dem fast schulterlangen Haar, den von unzähligen Flicken kunstvoll verzierten Jeans und dem saloppen Hemd pfiff leise durch die Zähne als er das Ziel, Hotel Monopol in Puerto de la Cruz, nannte. Er wusste, dass sich die Fahrt für den Fahrer lohnen würde. Müde setzte er sich auf den Beifahrersitz und wischte sich mit einem Taschentuch über die schweißtriefende Stirn. Es war heiß hier, anders als im kalten, verregneten Deutschland und er ärgerte sich, dass er so warm gekleidet war. Die Fahrt ging zügig über die Autobahn Richtung Norden und er war froh einen Fahrer gefunden zu haben, der die Strecke nicht im Schneckentempo hinter sich bringen wollte um mehr Fahrpreis zu erzielen. „Sie sind geschäftlich unterwegs“ fragte ihn der junge Mann der lässig hinter dem Lenkrad saß und blitzschnell vom Spanischen in die Deutsche Sprache verfiel, als er bemerkte, dass sein Gast ihn nicht verstand. „Ja, ich habe hier einige Dinge zu erledigen“ antwortete Baumann einsilbig und musste innerlich lachen, als der Fahrer sich dafür entschuldigte ihn für einen Spanier gehalten zu haben. „Sie sehen so ganz anders aus, als die Touristen die über unser Land wie eine Horde Termiten einfallen.“ Verwundert blickte Baumann auf den jungen Mann, der hingebungsvoll, den Rhythmus eines, grauenvoll klingenden, Musikstücks auf das Lenkrad trommelte. „Ich dachte, dass man gerade in Ihrer Sparte froh über den Strom der Touristen ist“ fragte er und erhob seine Stimme um das Geplärre des Radios zu übertönen. „Das war früher einmal so“ erwiderte der junge Mann ernsthaft und stellte das Radio etwas leiser „doch Tourismus ist nicht gleich Tourismus. Früher, als mein Vater noch gefahren ist, kamen Menschen aus der ganzen Welt, mieteten sich ein in luxuriös ausgestattete Hotels, buchten Fremdenführer und Chauffeure die ihnen das Land zeigten und bezahlten angemessene Preise für die Leistungen. Heute sind die eleganten Hotels voll gepfropft mit Gästen die ihren Urlaub „all inclusive“ gebucht haben und diesen Begriff auch auf die Bevölkerung übertragen.“ „Und trotz allem könnte dieses Land ohne Tourismus nicht überleben“ warf Baumann ein und ersuchte eine Zigarette rauchen zu dürfen, obwohl das Schild „no fumar“ auf der Sonnenblende steckte. Der junge Mann lächelte und öffnete das Fenster ein wenig. „Ich habe auch einmal geraucht. Da war ich fünfzehn“ sagte er „doch dann habe ich Conchita kennengelernt und die hat es mir schnell wieder abgewöhnt.“ „Mir, meine Frau auch“ antwortete Baumann leise und dämpfte die kaum angerauchte Zigarette wieder aus. Von der Beifahrerseite hatte er freien Blick auf das Meer. Er sah die Wellen des Atlantiks die gegen die Klippen brandeten, die kleinen, auf unwegsamen Gelände entstanden Orte und bemerkte wieder einmal staunend wie, scheinbar übergangslos, die schroffen, aus flüssiger Lava entstandenen, Felsen, dem saftigen Grün des Nordens wich. „Wir müssten eigentlich bald unser Ziel erreicht haben“ sagte er und hoffte, dass diese leise gesprochenen Worte den jungen Mann dazu anregen würde, das Radio etwas leiser zu stellen. „Es ist nur noch ungefähr eine halbe Stunde Fahrzeit“ antwortete der Fahrer und grinste Baumann vertraulich an. „Aber wir könnten eine Kaffeepause einlegen wenn sie wollen. Die Cousine meiner Frau betreibt hier, ganz in der Nähe, eine kleine Bar. Dann könnten Sie doch genussvoll eine Zigarette rauchen.“ „Ich nehme an, dass Sie die Cousine Ihrer Frau schon lange nicht mehr gesehen haben und ihr gerne einen Besuch abstatten würden“ lachte Baumann und nickte zustimmend mit dem Kopf. Trotz des allgemeinen Hupverbotes kündigte der junge Mann, ihr Kommen durch lautes Hupen an, das jedoch niemanden, nicht einmal die wenigen Gäste die auf der kleinen überdachten Terrasse vor dem Lokal saßen, zu stören schien. „Braulio!“ Es war ein Schrei des Entzückens den die junge Frau mit dem langen, zu einem schweren Zopf geflochtenen Haar, ausstieß und auch Baumann wurde umamt und geküsst wie ein lang verloren gegangener Freund. „Sie macht einen hervorragenden Kaffee“ rief ihm Braulio noch zu, bevor er mit langen Schritten im Inneren der kleinen Bar verschwand. Langsam folgte ihm Baumann, verharrte, um der einladenden Handbewegung zweier älterer Männer zu folgen, an dem Tisch neben der Eingangstür Platz zu nehmen, entbot ein freundliches „hola“ und erntete verständnisvolles Lächeln aus zahnlosen Mündern. „Ich bin angekommen“, dachte er „angekommen in Isabells Welt. In einer Welt, wo Lächeln die Sprache ersetzen kann, wo Menschen keine Angst vor körperlicher Berührung haben, wo ein herzlicher Willkommensgruß keine hohle Phrase ist.“ Braulio war zurückgekommen, servierte geschickt den versprochenen Kaffee und stellte demonstrativ einen schweren Aschenbecher vor ihn hin. „Sie können ruhig rauchen“ sagte er schmunzelnd „in Spanien ist zwar seit Anfang dieses Jahres ein allgemeines Rauchverbot in Lokalen ausgesprochen worden, doch hier kümmert sich niemand darum. Wir haben General Franco überlebt, also werden wir auch immer neue Gesetze und Vorschriften überleben.“ Der Kaffee war heiß und, so wie der junge Mann ihm versprochen hatte, hervorragend und doch lehnte Baumann die freundliche Einladung zu einer Kleinigkeit zum Essen, mit dem Hinweis gerne weiterfahren zu wollen, dankend ab. „Meine Frau hätte mir nie verziehen wenn ich schon eine Fuhre in den Norden habe, dass ich dann keine Churros von Carmen mitbringe“ erklärte ihm jetzt Braulio nachdem sie wieder auf die Autobahn aufgefahren waren. „Wollen Sie probieren“ und wies mit der Hand auf eine Tüte die er in den Fond des Wagens gelegt hatte. „Oh nein, danke“ lehnte Baumann ab „ich kenne dieses Gebäck. Verführerisch wie ein junges Mädchen und süß wie die Liebe, aber behaftet mit dem Fluch dass sich jeder Bissen unweigerlich als Fettpolster auf dem Körper einnistet.“ „Sie dürften sich in den Geheimnissen der spanischen Küche ja gut auskennen“ lachte der junge Mann lauthals „sie sind sicher schon oft hier gewesen.“ „Ja, schon oft“ antwortete er leise, als er hinter einer Hügelkette die Stadt La Orotava auftauchen sah. Warum hat sich deine Familie eigentlich in dem zwar wunderschönen, aber doch ziemlich weit vom Hafen entfernten Ort niedergelassen, hatte er Isabell einmal gefragt. Weil La Orotava das pochende Herz Teneriffas ist, hatte sie ernsthaft geantwortet. Wenig später hatten sie den Ort Puerto de la Cruz erreicht und Braulio setzte ihn mit einer entschuldigenden Geste an einem, für Taxi reservierten, Parkplatz ab. „Es ist auch für Taxi nicht erlaubt durch die Fußgängerzone zu fahren“ erklärte er ihm und hob sein Gepäck aus dem Kofferraum. „Es sind aber nur ein paar Schritte. Den Platz überqueren und die Strasse links hinauf.“ Er bezahlte, wurde von Braulio, wie von einem guten Freund, herzlich verabschiedet, nahm sein Gepäck auf und verfluchte sich schon nach wenigen Schritten, ein Hotel direkt im Stadtzentrum gebucht zu haben. In der prallen Mittagssonne schwitzend, den Koffer hinter sich herziehend, drängte er sich durch die Menschenmassen, betrat kurze Zeit später die Hotelhalle und fand sich wieder in einer anderen Welt. Durch eine bunte Glaskuppel fiel Licht in einen überdachten Innenhof in dessen Mitte ein riesiger Kronleuchter hing. Überall standen Palmen auf dem gefliesten Boden. Unzählige Sitzmöbel, allerdings unbequem wirkende, luden zum Verweilen ein und eine Treppe führte zu einer im spanischen Stil verzierten hölzernen Balustrade, die zu den Zimmern im ersten Stock führte. Er folgte dem Angestellten, der ihn im Namen des Hotels herzlich begrüßt und ihm die Koffer abgenommen hatte, hinauf über die Treppe in den ersten Stock. Das Zimmer war im alten spanischen Stil eingerichtet, rechts ein großes Bett, ein schöner Kleiderschrank auf kleinen Füßchen, links ein antiker Schreibtisch mit einem Sessel davor, angrenzend eine kleine Sitzecke und vor ihm der Balkon mit einem atemberaubenden Blick auf den Atlantic. Das Meer glitzerte in der nachmittäglichen Sonne und ganz weit am Horizont konnte man Isla la Palma erkennen. Er war angekommen, fühlte die Vertrautheit dieser fremden Welt und für wenige Augenblicke durchströmte das Gefühl der Hoffnung seine trüben Gedanken. Er hatte eine Reise angetreten um der Zukunft ein neues Gesicht zu geben und war doch in der Vergangenheit gelandet. Der Weg zum Hotel hatte ihn durstig werden lassen und die gut gekühlte Bierdose, aus dem kleinen Kühlschrank der sich in seinem Zimmer befand, in der Hand, trat er auf den Balkon. Zart streichelte der erfrischende Wind sein noch immer schweißgebadetes Gesicht. Neugierig, das alt Bekannte neu zu erfassen, die Veränderungen, die seit seinem letzten Besuch in der Heimat seiner Frau stattgefunden hatten, zu erforschen, blickte er auf die zu seinen Füssen liegende Altstadt an der die letzten Jahre scheinbar spurlos vorüber gezogen waren. „Isabells Augen würden strahlen, ihr Mund würde lächeln und sie würde ihre Eltern anrufen um eines dieser endlosen Gespräche zu führen um doch nur zu sagen, dass wir nur wenig später in ihrem Haus eintreffen würden“ dachte er und stellte das Bild mit dem schweren silbernen Rahmen, das er von zu Hause mitgenommen hatte auf das kleine Tischchen neben dem Bett. Noch lastete die glühende Hitze dieses Septembertages schwer über der Stadt und er saugte tief die würzige Meeresluft in seine Lungen als er das Hotel verließ und seine Schritte zu dem kleinen Hafen lenkte. Auch sie prägten das Stadtbild, diese am Strand spielenden Kinder, die unter riesigen Sonnenschirmen sitzenden Frauen, die Fischer mit ihren breitkrempigen Hüten und die alten Männer, die sich im Schutz der schattenspendenden Hausmauern ihrem Dominospiel widmeten. Sie waren zu vertieft in ihr Spiel um seine Anwesenheit zu merken, ließen ihn und seine Gedanken teilhaben an einem Stück kanarischer Lebensfreude und entließen ihn, als er sich wieder abwandte, um einzutauchen in die Anonymität der Touristen. Und trotz allem fing diese Stadt ihn auf, lud ihn ein zum Verweilen, jene Erinnerungen an gestern zuzulassen und sich nicht zu wehren wenn ihn längst verklungenes Lachen an damals erinnerte. Unaufhörlich, nur dem Gesetz des Unabwendbaren folgend, schlugen die Wellen in monotonem Takt an die Kaimauer, gruben tiefe Wunden in den, mühsam von Menschenhand erbauten Betonweg um sich, neue Kraft holend, zurückzuziehen. Langsam schlenderte er hinaus zur Mole, beobachtete die geschäftstüchtigen Männer, die hier illegal ihr Budget mit dem Zuweisen von sowieso frei zugänglichen Parkplätzen aufbesserten und drückte dem, ihm zahnlos zulachenden, Mann eine Zweieuromünze in die Hand, obwohl er gar kein Auto hatte. Er wusste nicht wie lange er auf dieser kleinen Mauerbrüstung gesessen war und dem Spiel der Wellen zugesehen hatte, doch er spürte wie die Müdigkeit in ihm aufstieg und beschloss zurück in das Hotel zu gehen. Erschöpft ließ er sich auf das liebevoll hergerichtete Bett fallen und seine Gedanken wanderten zu Isabells Familie, die nur wenige Kilometer von hier entfernt wohnte. Es war ihm bewusst, dass sie irritiert sein würden wenn sie wüssten, dass er ein Hotel für seinen Aufenthalt bevorzugt hatte, aber um nichts in der Welt wollte er seine Unabhängigkeit aufgeben um den Weg zu beschreiten, den er sich vorgenommen hatte – die Suche nach seiner Tochter. Waren sie der Grund, dass Melanie hier, in Teneriffa, gesehen wurde? War der Hinweis auf ihren Aufenthalt nur aus der Profilierungssucht eines Mannes geschehen, der auf die Dienste einer Prostituierten angewiesen und zu feige war unter den Brief seinen vollen Namen zu schreiben? Er wusste es nicht, doch er erinnerte sich an die Eltern seiner Frau, mit denen er nie wirklich in Kontakt gekommen war, die so hilflos und verletzt am Grab ihrer Tochter gestanden und dann, fast wortlos, wieder abgereist waren. Hätten sie ihn angerufen, wenn Melanie bei ihnen aufgetaucht wäre, oder gaben sie ihm noch immer die Schuld an allem? Der Gedanke an Schuld hämmerte in seinem Kopf und wieder einmal fragte er sich, ob er nicht hätte alles verhindern können. „Nein“ schrie er in die Leere des Raumes und die lang aufgestauten Tränen benetzten den sorgsam aufgeschüttelten Polster, bis der Schlaf ihn mit auf eine Reise in die Welt der Träume nahm. Kapitel 2 Nur widerwillig folgte er dem, ihn unsanft aus dem Schlaf reißenden, Läuten des Telefons und erschrocken stellte er fest, nachdem er einen kurzen Blick auf die Uhr geworfen, dass er fast 12 Stunden geschlafen hatte. „Ja, Baumann“ meldet er sich noch immer schlaftrunken und hört die Stimme seines Bruders, der, wie immer, ohne sich mit langen Vorreden aufzuhalten, sofort zur Sache kommt. „Sag, schläfst Du noch? Es ist fast 11:00 Uhr. Hast Du schon etwas in Erfahrung bringen können?“ „Walter, was soll das, ich bin doch gestern erst angekommen“ krächzt er mühsam in die Muschel und versuchte die Trockenheit in seinem Mund zu überspielen. „Warst Du schon bei Deinen Schwiegereltern?“ „Nein“ gab Gustav Baumann zögernd zu und begann sich über den befehlsgewohnten Ton in der Stimme seines Bruders zu ärgern. „Hör mal“ antwortete er jetzt kurz „ich melde mich, wenn ich etwas in Erfahrung gebracht habe“ und unterbrach die Verbindung. Kopfschüttelnd starrte er auf das jetzt wieder, stumm und wartend, vor ihm stehende Telefon. „Er meint es ja nur gut“ hörte er die Worte, die seine Mutter immer sagte, wenn er in ihre Arme geflüchtet war um sich wieder einmal bitter über seinen Bruder zu beschweren. „Ja, ja, er meint es ja nur gut“ seufzte er und erhob sich. Leise Stimmen drangen vom Flur her in sein Zimmer und er ärgerte sich wieder einmal, nie dem Drängen Isabells nachgegeben zu haben, die spanische Sprache zu erlernen. Und, wozu auch, sie hatte durch ihre Tätigkeit beim Landpersonal einer Kreuzfahrt-Gesellschaft auf Teneriffa bestens Deutsch gesprochen. Und seine Arbeit im Familienbetrieb hatte ihm nie genug Zeit gelassen, die Muttersprache seiner Frau auch nur annähernd gut zu lernen. Er sprach leidlich englisch und natürlich russisch, denn die Jahre als Maat auf der "Nikolai Nikolajew", dem zwischenzeitlich ausgemusterten russischen Frachter, hatten ihm ausreichend Möglichkeit geboten, sogar perfekt russisch schimpfen zu können. Doch natürlich verstand er Bruchteile der soeben geführten Unterhaltung. Er wusste auch, dass sich vor seiner Tür anscheinend zwei Mädchen unterhielten, die sein Zimmer aufräumen wollten. Doch zu sehr viel mehr reichte sein Sprachschatz halt nicht. Die Dusche hatte ihn erfrischt und schmunzelnd erinnerte er sich an die Wehklageschreie, die Isabell ausgestoßen hatte, als sie sich in Deutschland zum ersten Mal kalt geduscht hatte. „In meiner Heimat ist das Wasser zärtlicher zum Körper“ hatte sie ihm erklärt „es erfrischt, aber erschreckt nicht mit eisigen Temperaturen.“ Das flauschig weiche Badetuch nur lässig über die Hüften geschlungen, trat er hinaus auf den kleinen Balkon und atmete tief die würzige Meeresluft ein. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal so lange, ohne quälende Träume, geschlafen hatte und er verspürte Hunger. Er hatte keine Ahnung wie lange man in diesem Hotel das Frühstück servieren würde, doch einen kleinen Kaffee bekam man immer und vor allem konnte er sich noch an das Kaffeehaus direkt an der Promenade erinnern, wo man so ziemlich den ganzen Tag ein Frühstück bestellen konnte. Er hatte nach seiner Ankunft den Koffer nicht mehr ausgepackt, war, um sich nach dem langen Flug etwas Bewegung zu verschaffen, war ganz einfach losgelaufen, war stehen geblieben um den, sich fröhlich dem Spiel der Wellen hingebenden, Kindern zuzuschauen, hatte Rast gemacht um ein paar Gläser Rotwein zu trinken und war heimgekehrt um sich nur mehr erschöpft auf das Bett fallen zu lassen. Stirnzrunzelnd zog er jetzt das, von seiner Schwägerin noch sorgfältig frisch aufgebügelte, Leinensakko mit der passenden Hose heraus und wunderte sich, wie in so wenigen Stunden so viele Knitter ihren Platz auf einem Stück Stoff finden können. „Eine leichte Jeans mit einem frischen Hemd muss auch genügen“ dachte er und schlüpfte in die noch bockig neuen Hosen. Als er die Uhr, die er vor dem Duschen abgenommen hatte wieder über sein Handgelenk schob, musste er lachen. Weder er, noch sein Bruder hatten daran gedacht, dass die Uhr hier zurückgestellt werden muss und er eine ganze Stunde gewonnen hatte. "Buenos dias, Señor, " begrüßten ihn am Flur zwei, mit Wäschewagen und Putzutensilien bewaffnete junge Frauen, in ihren grünen Arbeitsuniformen und Häubchen auf den Köpfen. "Buenos dias, yo llegar ayer," kramte Gustav Baumann die wenigen Vokabel, an die er sich noch erinnern konnte, hervor und freute sich diebisch, dass die Beiden sein Gebrabbel, dass er gestern erst angekommen sei, anscheinend verstanden hatten. Aus dem Restaurant im Erdgeschoss drang das Klappern von Tellern und Töpfen an sein Ohr und der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee hob seine Stimmung gewaltig. Eigentlich hasste er das Frühstücken im Hotel, ging lieber ein paar Schritte, setzte sich am „Plaza del Charco“ in eines der zahlreichen Kaffeehäuser und genoss die wärmenden Strahlen der langsam aufsteigenden Sonne. Er liebte diese Straßenkaffees, dieses mediterrane Flair unter den weit ausladenden Lorbeerbäumen und er liebte es zuzusehen wie sich der Platz langsam mit Leben füllt. Ähnlich wie auf einem Schachbrett, wo die Figuren immer gleich aufgestellt werden, so erobern sich die Frühaufsteher täglich ihre Stammplätze auf den Bänken. Bei dem Gedanken, dass dieser Platz von so Manchen als „Krückenmeile“ bezeichnet wurde stimmte ihn heiter. „Ganz so dramatisch sieht es nun dort nicht aus, wie es sich die Jugend immer vorstellt. Es stimmt zwar, dass die meisten Protagonisten seiner Showbühne zeitlich näher an der Kiste als an der Wiege positioniert sind, aber wenn man so das Rentnertreiben beobachtet, hat man schon das Gefühl, dass Teneriffa wie ein Jungbrunnen wirkt“ überlegte er. Nachdem er ausgiebig gefrühstückt hatte, beschloss er ein paar Schritte zu gehen und sich Gedanken über sein weiteres Vorgehen zu machen. Sich genussvoll eine Zigarette anzündend, verließ er das Hotel. Sein Weg führte ihn am Hotel Marquesa vorbei, jenem Hotel das früher Casa Cólogan geheißen hatte und plötzlich fiel ihm die Geschichte, die Isabell ihm über das Hotel erzählt hatte. Alexander Humboldt dürfte bei seinem kurzen, nur 5 Tage dauernden Aufenthalt in Teneriffa im Jahr 1799 hier gewohnt haben und die Urväter der Familie Cólogan, die das Haus bis Ende des 18. Jahrhunderts besaßen, hatten, soviel er sich an die Hinweise seiner Frau erinnerte, maßgeblich am wirtschaftlichen Aufschwung mitgewirkt. Natürlich waren die Nachfahren, dieser hoch angesehenen Familie, Freunde seiner Schwiegereltern und so wusste er auch aus Erzählungen, dass das Landhaus der Cólogans in einer kurzen Geschichte von Agatha Christi die Hauptrolle spielte. Plötzlich war sie wieder da, die Erinnerung an den Tag als er Isabell diesen schmalen Ring mit dem funkelnden Diamanten, den er auf einer seiner Routen über Südafrika für sie erstanden hatte, über den Finger gestreift hatte und sie diesen sehnsuchtsvollen Blick auf das Meer geworfen hatte. „Du willst wirklich die Seefahrt aufgeben“ hatte sie geflüstert „und mit mir, hier in Teneriffa leben?“ „Liebes, ich habe hier keine Chance eine Familie zu ernähren. Ich beherrsche die Sprache nicht, ich bin mit den Eigenheiten dieser Menschen nicht vertraut. Kannst Du Dir jedoch vorstellen mit mir nach Deutschland zu gehen?“ Fast war es ihm, als könnte er den Duft ihres Haares noch riechen, als sie sich an ihn gelehnt, und dieses heiß ersehnte Wort „Ja“ gehaucht hatte. Schräg gegenüber von dem Hotel lenkte er seine Schritte zu diesem schmalen Weg und die Treppe, die anscheinend zu einem kleinen Park führten. Auf den Bänken, die um den in der Mitte befindlichen, mit unzähligen Schwänen verzierten, Brunnen aufgestellt waren, saßen nur ein paar alte Frauen, die ihn freundlich anstrahlten. Sie hatten ihre schweren Einkaufstaschen abgestellt und genossen sichtbar den Schatten der mächtigen Palmen, bevor sie ihren Weg fortsetzen würden. Mit „Hola“ beantwortete er ihren Gruß und suchte einen etwas abseits gelegenen Platz, an dem er ungestört nachdenken konnte. Wie um ihn an die fortschreitende Zeit zu mahnen, begannen die Glocken der Kirche zu läuten und, fast schuldbewusst, erhob er sich um seinen Weg fortzusetzen. Sie heißt „Iglesia de nuestra Señora de la Peña de Francia“, fiel ihm plötzlich auch der Name dieser Kirche ein und schmunzelnd erinnerte er sich an die, von Isabell so perfekt gespielte Empörung, wenn sie ihm vorwarf nicht zuzuhören, während sie versuchte ihm die Sehenswürdigkeiten ihrer Heimat näher zu bringen. „Ich habe Dir immer zugehört, aber oft auch nur, um den Klang deiner Stimme zu hören“ dachte er wehmütig und tauchte ein in den Strom der Touristen der langsam der Punta del Viento, jenem atemberaubenden Aussichtplatz am Ende der Flanierstrasse entgegenströmte. „Baumann! Guten Tag“ meldete er sich mit geschäftsmäßigen Ton als sein Mobiltelefon läutete „was kann ich für Sie tun?“ „Mayer, ich warte noch immer auf den versprochenen Kostenvoranschlag“ hörte er die, wie immer gehetzt klingende, Stimme eines seiner Kunden, der gedachte ihn mit einem Großauftrag über 12 m2 Teppichfliesen zu betrauen. „Herr Mayer“ antwortete er höflich „ich habe ihn bereits unserer Sekretärin weitergegeben und, soviel ich weiß, müsste er noch heute an Sie abgehen.“ „Was heißt hier, soviel Sie wissen. Dann fragen Sie doch gleich einmal nach.“ „Verzeihen Sie“ unterbrach ihn Gustav Baumann noch immer höflich „aber Sie rufen auf meinem Mobiltelefon an und ich bin derzeit nicht im Büro.“ „Dann komme ich heute am Nachmittag bei Ihnen vorbei und dann können wir nochmals darüber sprechen.“ „Herr Mayer, ich bin nicht in Deutschland und Sie können sicher sein, dass Sie das Angebot in den nächsten Tagen in der Post finden.“ Die kurze Sprechpause wurde von einer fast empört klingenden Frage unterbrochen „was heißt Sie sind nicht in Deutschland“ blaffte der Kunde ins Telefon „wo treiben Sie sich denn herum?“ „In Teneriffa“ antworte ihm Gustav Baumann wahrheitsgemäß und murmelte noch etwas von schlechter Verbindung bevor er das Gespräch unterbrach. „Leck mich doch am Arsch“ pfauchte er noch genervt auf das, jetzt stumm in seiner Hand liegende Gerät, und schaltete es komplett aus. Mit den, im Vorübergehen bei dem vor der Kirche befindlichen Kiosk, gekauften, deutschsprachigen Zeitungen, fächelte er sich, wie um den empfundenen Ärger zu verscheuchen, frische Luft zu, und war fast verwundert, dennoch in spanischer Sprache angesprochen zu werden. Der geschäftstüchtige junge Mann vor dem Laden mit den unzähligen Fotoapparaten, Videokameras und Mobiltelefonen schien ihn von den Vorteilen eines Einkaufs in seinem Laden überzeugen zu wollen, doch er konnte nur verzweifelt abwinken, weil er dem, unendlich schnell gesprochenen Wortschwall nicht folgen konnte. „Perdonne sólo hablo aléman“ unterbrach er ihn und war verblüfft über das perfekte Deutsch mit dem er eine Antwort erhielt. „Das ist kein Problem“ hörte er ihn sagen und eine Entschuldigung für sein Versehen murmeln. Während er noch ein paar Worte der Höflichkeit mit dem jungen Mann tauschte fiel sein Blick auf die angebotenen Mobiltelefone und er beschloss eines davon zu erwerben um Anrufe aus seinem Kundenkreis, wie dem soeben erfolgten, zu vermeiden. Zufrieden mit dem getätigten Kauf und ein wenig Stolz auf sein Verhandlungsgeschick, dass er für den geforderten Preis noch einen weiteren Akku als Geschenk bekommen hatte, wanderte er, vorbei am Café de Paris und den berühmten Martianez Bädern, die wie er wusste von dem bekannten Architekten César Manrique geplant worden waren, in Richtung Avenida Generalisimo, wo er wusste, dass einige Autovermietungen ihre Dienste anboten. „Can I help you“ fragte ihn die kühle Blonde, die, scheinbar genervt einen weiteren Kunden bedienen zu müssen, gelangweilt in dem, gut klimatisierten Büro, der Autovermietung saß. „Ich brauche einen Wagen“ antwortete er auf Deutsch und nahm, ohne ihre Aufforderung abzuwarten, auf dem vor ihren Schreibtisch stehenden Sessel Platz. „Welche Kategorie wünschen Sie denn“ sagte sie jetzt, ohne ihn anzublicken, und zu seiner Verwunderung mischte sich in ihre Worte dieser unverkennbare sächsische Dialekt. „Was haben Sie denn anzubieten“ fragte er leicht irritiert über diese unhöfliche Art mit Kunden umzugehen und fügte mit leicht ironischen Unterton noch hinzu „an einem Maybach wäre ich vielleicht interessiert.“ Er hatte es geschafft, denn verblüfft hatte sie aufgehört in den vor ihr liegenden Prospekten zu blättern und blickte in an. „Der ist gerade vermietet“ sagte sie und bedachte ihn mit einem geschäftsmäßigem Lächeln, „aber einen Fiat Punto könnte ich Ihnen anbieten. Wir haben ja im Moment Hochsaison, da sind alle Wagen unterwegs.“ „Mein liebes Fräulein“ lachte jetzt Gustav Baumann herzlich „ich nehme ja nicht an, dass sie einen Wagen in der Preisklasse von rund 500.000,-- Euro Neupreis in ihrem Wagenpark stehen haben, und ich könnte mir wahrscheinlich nicht einmal den Mietpreis für einen Tag leisten, aber ich habe es doch geschafft, dass Sie mich überhaupt zur Kenntnis nehmen. Nicht wahr! Aber jetzt sagen Sie mir ganz einfach, welche Modelle für zirka 14 Tage zu mieten sind. Ich dachte an einen Jeep, oder etwas Ähnliches.“ Zu seinem Bedauern stimmte sie nicht in sein Lachen ein, sondern bedachte ihn mit einem bitterbösen Blick, und er war froh, dass nur wenige Formalitäten zu erledigen waren und sie ihm zusicherte, dass er den Wagen in ungefähr einen halben Stunde hier vor ihrem Büro würde abholen können. Die Hitze traf ihn mit voller Wucht als er von dem klimatisierten Büro aus wieder ins Freie trat und nach einem Blick auf die Uhr beschloss er in die, schräg Visavis liegende und einladend wirkende, Bar zu gehen. „Un café sólo“ sagte er, noch bevor er sich einen Platz gesucht hatte, und bemerkte die ihn aufmerksam beobachtende Gruppe älterer Damen, die in einer Ecke der gut besuchten Bar saßen. „Manchmal empfinde ich diese Insel wie ein Eiland der verlorenen Herzen“ hatte Isabell einmal zu ihm gesagt und ihn auf die unzähligen, einsam wartenden und herausgeputzten Damen hingewiesen, die, ihre Juwelen als Lockmittel benutzend, auf der Suche nach einem späten Glück waren. „Ihr gehört wohl auch dazu“ dachte er und öffnete eine der mitgebrachten Zeitungen. Er fand schnell was er suchte, staunte über die Vielzahl der Angebote, die unter dem Begriff „Begleitservice“ lockend um Kunden warben und er spürte diesen Zweifel, der wie schleichendes Gift, in seine Gedanken drang. „Wie werde ich ihr gegenübertreten? Was werde ich ihr sagen, wenn ich sie wirklich finde? Wenn sie wirklich hier her geflohen ist um zu vergessen?“ Mit jetzt zitternden Händen tippte er die in der Zeitung veröffentlichte Nummer. “Kontaktservice Nord, guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“, meldete sich eine sonor klingende Männerstimme und Baumann fragte sich, wie lang mal wohl trainieren müsse um seiner Stimme eine derartige Schleimspur zu verleihen. „Ich suche eine Begleitung“ antwortete er zögernd „ein junges Mädchen, ungefähr 22, groß, schlank und blond.“ Er hielt inne, versuchte seine Gedanken zu ordnen, überlegte ob sie, seine Tochter, wohl noch dieses golden schimmernden Haar hatte, oder ob sie ihr Aussehen verändert hätte. „Sie soll eine Deutsche sein“ fuhr er fort und überlegte krampfhaft ob er weitere Angaben machen solle. „Wir haben solche Mädchen im Angebot“ unterbrach der Mann von dem Kontaktservice seine Gedanken und fragte für wie viele Tage er gedenke seine Begleitung zu buchen. Er spürte wie seine Handflächen feucht wurden, bemerkte wie der Schweiß, der jetzt aus allen Poren drang, sein Hemd mit dunklen Flecken übersäte und umklammerte, fast Hilfe suchend, das Telefon. „Haben Sie Sonderwünsche“ hörte er jetzt wieder, diese Stimme am anderen Ende der Verbindung, die, ähnlich wie ein Psychiater, für alle Extras Verständnis zu haben schien. „Hören Sie“ sagte er jetzt aufgeregt, mit erhobener Stimme „ich suche eine junge Frau, mit der ich einen netten Abend verbringen kann. Verstehen Sie mich?“ Sie hatten das geführte Gespräch mit Interesse verfolgt und die Empörung der drei Grazien vom Nachbartisch machte sich durch Bemerkungen wie „schämen sollte sich der alte Trottel“ und so gar nicht der Garderobe der Damen angepasste Worte wie „geiler alter Bock“ bemerkbar. Peinlich berührt, unterbrach er die Verbindung, nahm noch einen Schluck von seinem Café Solo, zahlte und verließ fluchtartig die Bar. Die Wartezeit strapazierte seine Geduld bis auf äußerste, und, als, nach mehr als einer Stunde, der Wagen zu dem Büro gebracht worden war, hatte er nur gereizt dem Fahrer den Übergabeschein unterzeichnet und war davon gebraust. Er hatte davon gelesen, dass auf den Kanarischen Inseln europaweit die höchste pro Kopf Anzahl von Autos gezählt wurde, doch das Verkehrsaufkommen im Zentrum der Stadt erinnerte ihn eher an Bangkok als an eine kleine Insel mitten im Atlantik. Dreimal war er nun schon die Runde gefahren, ohne einen Parkplatz zu finden. Doch da, endlich. Er trat abrupt auf die Bremse. Gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite verließ ein Wagen eine Parklücke. Kurz entschlossen, wendete er, um sich den wertvollen Platz zu sichern. Gerade wollte er in die Lücke zurücksetzen, da jaulte von der anderen Straßenseite kurz eine Sirene auf. „Na toll“, dachte er, „ausgerechnet die Guardia Civil, die bekannt und gefürchtet für ihre Strenge war.“ Dass die beiden Polizisten in ihrem Streifenwagen gesehen hatten, dass er beim Wenden die durchgehende weiße Linie in der Straßenmitte überfahren hatte, war ihm sofort klar und, dass die spanischen Bußgelder ein teurer Spaß waren, wusste er auch. „Ich Idiot“ schimpfte er in sich hinein „das kann teuer werden“ Schnell kurbelte er sein Fenster herunter und setzte seine „unschuldig-zerknirscht“ Miene auf. „Sie sind soeben über die geschlossene, weiße Linie gefahren“, rief der Polizist zu ihm herüber und tippte mit seiner Hand als Gruß auf seine Schirmkappe. „Das tut mir sehr leid. Ich habe die Linie nicht gesehen.“, erwiderte er und zweifelte daran, dass er sich mit einer Entschuldigung zufrieden geben würden. „Woher stammen Sie“ fragte ihn der Polizist. „Ich bin Deutscher“ antwortete er mit entschuldigendem Lächeln und hoffte, dass dieser Hinweis die Strafe nicht exorbitant in die Höhe schießen ließ. „Darf man in Deutschland über eine geschlossene, weiße Linie fahren?“ „Nein, natürlich nicht“ versuchte er sich in ein volles Schuldeingeständnis zu retten und hörte mit halbem Ohr eine aufgeregte Stimme über den Funk aus dem Polizeiwagen. „Hier ist das auch nicht gestattet“ erhielt er als Antwort. „Halten Sie sich bitte daran. Noch einen Guten Tag!“ Erleichtert registrierte er wie der Polizist plötzlich ein Lächeln aufsetzte, mit einer kurzen Handbewegung noch einmal salutierte und schnellen Schrittes zurück zu dem Streifenwagen ging. „Schön muss ein Mensch nicht sein, aber Glück muss er haben“ schmunzelte jetzt Baumann als er das Aufheulen der Sirene hörte und dem rasch weiterfahrenden Wagen nachblickte. Noch immer amüsiert über das soeben Erlebte wanderte er schmunzelnd die Calle blanco hinunter zum Plaza Charco, jenem Platz auf dem, laut historischen Aufzeichnungen Mitte des 19. Jahrhunderts jene, jetzt so imposanten, Gummibäume, die „Laurel de India“, gepflanzt wurden. Er glaubte nicht an Vorbestimmung, glaubte nicht daran, dass, so wie seine Schwägerin immer behauptete, nichts im Leben dem Zufall überlassen sei, und glaubte auch jetzt nur einem Trugbild zu erliegen als er ihn, im Gegenlicht der Sonne nur unscharf erkennend, stehen sah. Er erschrak, erinnerte sich an die, ihn so schmerzlich getroffenen Worte, als er, kurz nach Verschwinden Melanis, bei seinen Schwiegereltern angerufen hatte um mit seinem so dürftigen Wortschatz zu fragen ob sie vielleicht hier her geflüchtet war. „Le llamaré detrás“ hatte er nur gesagt und war anscheinend in sein Büro gefahren, wo Filipa, die perfekt Deutsch sprechende Sekretärin seines Schwiegervaters seit mehr als 25 Jahren die Launen des Don Pérez Barroso de la Peña ertrug. „Er lässt fragen ob er Ihre Worte richtig verstanden hat und seine Enkeltochter verschwunden ist“ hatte sie gesagt, als wenig später bei ihm das Telefon geläutet und sie sich gemeldet hatte. Er hatte gehört, dass sie die Lautsprechanlage zugeschaltet hatte und vernahm die scharf gesprochenen Zwischenrufe, die der Alte während seines Berichtes dazwischen warf. „Er lässt fragen, seit wann sie seine nienita vermissen und welche Schritte sie eingeleitet haben“ übersetzte sie emotionslos die Fragen seines Schwiegervaters weiter. „Melanie ist nicht nur seine nienita, sie ist auch meine Tochter“ hatte er in das Telefon gebrüllt „und ich suche sie seit fünf Tagen!“ Er wusste, dass sie nicht alles, was sein Schwiegervater jetzt sagte, ihm wortgetreu übersetzte, vernahm jedoch Worte wie „fracasado“ was soviel er wusste, Versager hieß, aus dem Hintergrund und hatte den Hörer mutlos weggelegt, als sie ihm sagte, dass Melanie nicht bei ihren Großeltern war und Don Pérez Barroso de la Peña sich melden würde, wenn Melanie auftauchen sollte. Er hatte in den vergangenen drei Jahren nur noch zweimal einen Anruf erhalten und jetzt, plötzlich stand er da. Hoch aufgerichtet, wie immer, mit diesem unvermeidlichen dunklen Anzug und dem blütenweißen Hemd bekleidet und den zierlichen silbernen Spazierstock locker in der Hand haltend, stand er da, schien auf jemanden zu warten und seine Blicke tasteten suchend die Menge ab. „José Manuel“ wollte er schon rufen und unterließ es, als er dieses markante Gesicht sah, dass jetzt in seine Richtung blickte um sich doch, scheinbar einem Ruf folgend, von ihm abwandte. Seine Blicke verfolgten die seinen, sahen, wie er einen ebenfalls distinguiert aussehenden Mann begrüßte und sie gemeinsam die Bank betraten. „Er macht seine Geschäfte“ dachte er bitter „er geht seinem Tagwerk nach, wie wenn nichts geschehen wäre.“ Es war ihm bewusst, dass er rasch weitergehen sollte, wollte er José Manuel nicht direkt in die Arme laufen, um ein weiteres, unerfreuliches, Kapitel in der nie enden wollenden Geschichte ihrer Missverständnisse zu schreiben, doch er blieb stehen, wie auf ein Zeichen wartend. „Welche Größe wünschen Sie“ hörte er plötzlich eine Stimme neben sich, die ihn aus seinen Gedanken riss. „Wie bitte“ antwortete er erschrocken und bemerkte erst jetzt, dass er total in seiner Erinnerung gefangen, unbewusst einige Hosen, die auf einem Ständer vor einem Laden zum Verkauf angeboten wurden, in der Hand hielt. „Ich weiß es nicht“ sagte er unbeholfen „es ist lange her, dass ich etwas für mich gekauft habe.“ Die Deutschkenntnisse der jungen Verkäuferin schienen sich auf nur wenige Brocken zu beschränken, aber sie nahm ihm, freundlich lächelnd, die unzähligen Hosen, die er noch immer, fest umklammert, in der Hand hielt ab und führte ihn in das Innere des Ladens. Sie war jung und hübsch, für seine Begriffe für diese Tageszeit etwas zu grell geschminkt, aber sie hatte, mit kundigem Blick, seine Größe ermittelt und ihm einige der Exemplare zum Probieren gegeben. „So sieht also ein Mann aus, der im Begriff ist eine Hose zu kaufen, die er nicht braucht, der von wildfremden Frauen als alter Trottel beschimpft wird und sich vor seinem eigenen Schwiegervater versteckt“ dachte er während er sich, durch die großflächige Auslagenscheibe noch immer die Bank beobachtend, in eine lächerlich kurze Hose zwängte. Kopfschüttelnd warf er einen Blick in den Spiegel und es schien ihm, als sehe er diesen einundfünfzigjährigen Mann mit dem dunklen, aber bereits schütter werdendem Haar und dem blassen Gesicht, seit langem, das erste Mal wieder. „Du bist alt geworden“ murmelte er leise und die anerkennenden Worte der Verkäuferin, die hinter ihn getreten war und „muy bueno“ sagte, wirkten wie Hohn auf ihn. „Sie meint nur die Hose“ sagte er erklärend zu seinem Spiegelbild und musste plötzlich schallend lachen, als er sich der Komik dieser Situation bewusst wurde. „Was soll´s“ sagte er zu der Verkäuferin, die ihn verwundert anblickte „ich nehme diese Hose und werde jetzt zurück in das Hotel gehen und eine Vermittlungsagentur für hübsche junge Mädchen anrufen, egal ob mein Schwiegervater mich sieht oder nicht.“ „De nada“ sagte sie und er war Heil froh, dass sie ihn nicht verstanden hatte. Trotz allem lenkte er seine Schritte ab vom direkten Weg in das Hotel, nahm einen Umweg durch die kleinen verschlungenen Gässchen dieser zauberhaften Stadt. „Sie wurde bereits 1502 erstmals urkundlich erwähnt und diente den Bewohnern, des etwas höher gelegenen Städtchens La Orotva, als Anlegeplatz für Güter des täglichen Bedarfs. Die Schiffe ankerten damals etwas außerhalb des heutigen Playa Jardin und die Ladung wurde mit Booten an den Strand gerudert, um dann auf, von Maultieren gezogenen Wagen, weitertransportiert zu werden“, hatte ihm Isabell einmal erzählt. „Damals wählten die Bewohner der Insel bewusst die höher gelegen Orte, wie zum Beispiel auch die einstige Hauptstadt La Laguna, um sicher zu sein vor Überfällen der Portugiesen“ hatte sie weiter berichtet und leicht irritiert reagiert, als er sie darauf aufmerksam machte, dass auch ihre Vorfahren einst aus Portugal kamen und ihren Reichtum auf dem Schicksal der Ureinwohner gegründet hatten. „Meine Urväter waren zwar Portugiesen, aber Kaufleute und Händler“ hatte sie ihn korrigiert „die sehr viel Geld in eine ungewisse Zukunft investierten. Nachdem die Spanier durch ihre Kreuzzüge und Kriege zwar viel Landgewinn erzielen konnten, fehlte ihnen dann jedoch das nötige Geld um eine Infrastruktur errichten zu können, die Gewinn bringend war. Das waren dann, hier in Teneriffa, die Genuesen und Portugiesen die Land kauften, Städte errichteten und die Felder bewirtschafteten.“ Er war damals erstaunt gewesen, mit wie viel Leidenschaft Isabell ihre Familie verteidigte und hatte in ihrer Gegenwart nie mehr erwähnt, dass er die Hochmut eines Eroberers für verabscheungswürdig halte, auch wenn die Eroberung nur mit finanziellen Mitteln geschah. Wie so oft, seit dem er in Teneriffa gelandet war, hatte er das Gefühl er müsse sich nur schnell genug umdrehen um sie hinter sich stehen zu sehen, um ihren verständnisvollen Gesichtsausdruck zu sehen, wenn sie das Gefühl hatte ihm Dinge zu erzählen, die ihn nicht interessierten, und, um ihr sagen zu können wie sehr er sie liebe. Auch jetzt drehte er sich um, sah jedoch nur in diese fremden Gesichter, die, bewaffnet mit Kameras und Fotoapparaten, versuchten einen Hauch dieser Stadt mit nach Hause zu nehmen. Er ließ sich treiben, tauchte ein in die Masse der Touristen, die scheinbar zielstrebig, ihren Weg verfolgten, um dann doch, müßig vor den Auslagen der Geschäfte stehen zu bleiben, um die angebotenen Waren zu begutachten und fand sich wieder in der Strasse wo er am Abend zuvor den Wagen geparkt hatte. Einer plötzlichen Eingebung folgend stieg er in den Wagen, lenkte ihn hinaus aus der Stadt, den Schildern Richtung Icod de los Vinos folgend und erreichte, kurze Zeit später, jene Anhöhe, von der aus man diesen traumhaften Blick auf das ehemalige „Casita“ wie Isabell das Landhaus ihrer Familie so liebevoll nannte, werfen konnte. Eingebettet von einer fast unüberschaubar großen Bananenplantage lag es da, dieses Häuschen, das jedoch eher an ein kleines Schloss erinnerte. „Sie hat hier eine unbeschwerte Kindheit verbracht“ dachte er wehmütig und die fast beschwörend gesprochenen Worte seines Arztes hämmerten jetzt in seinem Kopf. „Du musst die Trauer leben“ hatte er immer wieder eindringlich gemahnt wenn er ihn wegen dieser immer wieder auftretenden Herzschmerzen aufsuchte „Du darfst den Schmerz nicht verdrängen. Du musst nicht mit mir darüber sprechen, aber sprich mit irgendjemanden, auch wenn es in einer Kneipe ist, oder mit Deinen Freunden vom Tennisplatz.“ Doch er hatte geschwiegen. Er hatte geschwiegen als Melanie nach dem Warum fragte. Er hatte geschwiegen als die Vorwürfe seiner Tochter immer heftiger wurden „Du hast doch den Wagen gefahren als der Unfall passierte!“ Er schwieg wenn sie ihn vorwurfsvoll anblickte, wenn er zum Essen ein Glas Bier trank und sie ihn auf die Sterbensrate durch Alkohol hinwies. Er hatte sich in die Arbeit gestürzt, die Einladungen von Freunden ausgeschlagen, den Tennisplatz, wo er sonst so gerne war gemieden und, er hatte keine Tränen, als Melanie eines Tages verschwunden war. Erst jetzt, mehr als vier Jahre nach dem Tod Isabells und erst jetzt, mehr als drei Jahre nach Melanies Verschwinden, saß er, auf diesem kleinen Felsvorsprung, direkt neben der Strasse und ließ den Tränen freien Lauf. Es war kurz nach 14:00 Uhr als Baumann zurück in das Hotel kam und ihm der junge Mann am Empfang vertraulich zuwinkte. „Ich habe gefunden was Sie suchten“ sagte er „Sie treffen die Chica heute Abend um 19:00 Uhr im Restaurant Monasterio.“ „Wie erkenne ich sie“ fragte Gustav Baumann kurz. „So wie Sie wünschten. Sie ist Deutsche, groß und blond und etwas über 20 Jahre. Nur ein kleines Problem gibt es“ stöhnte er jetzt und verzog das Gesicht „sie kommt aus dem Süden und ich habe der Vermittlung zugesagt, dass Sie die Fahrtkosten übernehmen.“ „Das ist in Ordnung“ antwortete Baumann und überlegte wie viel Provision dem jungen Mann wohl versprochen worden war. Obwohl er seinen Koffer nicht ausgepackt, sondern nur die wenigen Dinge, die er gerade gebraucht, herausgenommen hatte, lag er jetzt geschlossen auf dem kleinen Beistelltischchen und seine Sachen waren ordentlich geschlichtet in die Kästen verstaut worden. Beim Anblick des zwischenzeitlich ziemlich ramponiert aussehenden Koffers musste er an eine der kleinen Anekdoten denken, mit denen Melanie als kleines Mädchen sie immer wieder, mit ihrer naiven, entzückenden Art, zum schmunzeln gebracht hatte. "Mama, wo ist eigentlich Spanien? Ist das da, wo abuela Candy wohnt?" "Das weißt du doch! Spanien ist das Land, in dem ich geboren wurde und den Papa kennen gelernt habe, und wo abuelita Candela und abuelo José immer noch leben", hatte Isabell mit ihrer sanften Stimme geantwortet. "Wann fahren wir da wieder hin? Morgen früh?" Isabell erwiderte lächelnd: "Nein meine Süße, morgen nicht, erst in den Ferien. Dann packen wir unsere Koffer und fahren los!" Er erinnerte sich an jedes Wort Isabells, an ihre Stimme, ihre geschmeidigen Bewegungen, jene liebevollen Gesten, mit denen sie dem Kind ihre bedingungslose Zuneigung entgegen brachte. Sogar jetzt, in dem Augenblick, an dem er an Melanies denkwürdigen Satz denken musste, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. "Ich muss auch einen Koffer packen, aber einen, in dem Löcher drin sind" hatte Melanie gesagt. "Löcher? Warum sollten in deinem Koffer Löcher sein?" "Na weil ja sonst meine Kuscheltiere keine Luft mehr kriegen ! Nicht wahr, Papa?" Fast schämte er sich, als er auf den zwischenzeitlich haarlosen, Stofftiger schaute, der jetzt einsam und verlassen den Schreibtisch des Herrn Gustav Baumann, Kaufmann auf einer Reise nach Teneriffa, zierte. An der Nordflanke eines kleinen Kegelberges, in einer ehemaligen Klosteranlage, nahe Puerto de la Cruz, wurde sehr liebevoll die Restaurantanlage El Monasterio aufgebaut. Er kannte dieses hervorragend geführte Haus von früheren Besuchen und auch die Vorteile, dass es aufgeteilt in verschiedene Restaurants, trotz seiner Größe doch sehr intim war. Nervös fingerte er an seiner, eigentlich perfekt gebundenen, Krawatte, als er den heraneilenden Kellner um einen schönen Fensterplatz ersuchte und erwähnte, dass er noch auf eine junge Dame warte. Er war zu früh gekommen, versuchte die fantastische Sicht auf das Tal und die Barancos des Esperanza-Waldes auf sich wirken zu lassen und fühlte doch nur Panik in sich aufsteigen. „Wie reagiere ich, wenn es Melanie ist? „ fragte er sich wohl zum hundertsten Mal „wie reagiert sie, wenn sie mich sieht?“ Doch es war nicht seine so sehnsüchtig erwartete Tochter, die jetzt suchend am Empfang stand und anscheinend nach einem einsam wartenden Mann fragte. Ihm stockte der Atem als er diese auffallend gekleidete junge Frau sah und normalerweise hätte ein anerkennend bewundernder Pfiff seine Überraschung begleitet, so jedoch fühlte er nur maßlose Enttäuschung. Sie war groß, mindestens 1,75 m, hatte fast unnatürlich langes blondes Haar, war braun gebrannt und der kurze Rock, begleitet von einem Nichts als Oberteil zeigte einen makellosen Körper. Sie winkte ihm zu, näherte sich mit diesen schier endlos langen Beinen, die in gefährlich hohen, Strass besetzten, Sandaletten steckten und wisperte „Hey, Süßer. Wir scheinen eine Verabredung zu haben“, wobei sie sich anscheinend bemühte den unüberhörbaren Sprachfehler zu überspielen. „Nichts ist vollkommen“ durchzuckte es Gustav Baumann während er sich höflich erhob und ihr Platz anbot und unterdrückte ein fast haltlos aufsteigendes Lachen. „Hast Du schon lange gewartet“ fragte sie jetzt und schob ihm eine Kostenaufstellung über den Tisch „das Geschäftliche sollten wir vor dem gemütlichen Teil des Abends erledigen und, verzeih, aber der Taxifahrer wartet draußen auf seinen Fuhrlohn.“ Sie war charmant und trotz ihres „S-Fehlers führten sie während des hervorragenden Dinners eine angeregte Unterhaltung. Er fragte sie woher sie komme, war etwas enttäuscht, dass sie Augsburg anscheinend nur als Punkt auf der Landkarte kannte und führte das Gespräch immer wieder auf die Agentur für die sie arbeite und eventuelle Kolleginnen. „Ich bin wohl nicht der Traum Deiner schlaflosen Nächte“ sagte sie und nahm sichtbar beleidigt einen weiteren tiefen Schluck vom Rotwein, den sie anscheinend genoss. „Ich will nur einen netten Abend mit Dir verbringen“ erklärte er jetzt irritiert „und vielleicht ein bisschen etwas erfahren über das was Du machst.“ „Gehörst wohl zu der Sorte, die meinen Beruf als anrüchig empfinden, aber doch die Dienste einer Vermittlungsagentur in Anspruch nehmen.“ „Du verstehst das nicht richtig“ „Oh doch“ unterbrach sie ihn „zu Haus, brav mit Muttchen den Abend beim Fernsehen und den Urlaub mit einem flotten Feger verbringen wollen. Vielleicht noch ein bisschen grapschen. Aber nee, nicht bei mir. Ich gehe mich jetzt ein wenig frischmachen und Du denkst nach was wir mit dem angebrochenen Abend noch anfangen wollen.“ Er blickte ihr fassungslos nach, sah, wie sie sich unsicher erhob und mit ihren hohen Stilettos vorsichtig dem Ausgang zustrebte. Unsagbare Übelkeit stieg in ihm auf als er sich bewusst wurde in welchem Milieu seine Melanie gelandet sein musste. Schnell entschlossen rief er den Kellner, ersuchte um die Rechnung und verließ, nachdem er bezahlt und ihn ersucht hatte für die Dame ein Taxi zu bestellen, fluchtartig das Restaurant. Wie von Furien gehetzt lief er den kleinen Pfad entlang, den Berg hinauf wo eine kleine Kapelle steht. Er verließ den befestigten Weg, inzwischen schluchzend, seinen Kummer laut in die Welt schreiend, taumelte er, über loses Gestein und Wurzeln stolpernd und fiel. Zuerst rutschte er nur leicht ab, fühlte wie der Boden unter ihm nachgab, ihm den Halt entzog und nichts mehr seinen Fall in die Tiefe aufhielt. |